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![]() Egon Krenz |
Man kommt ins Nachdenken! Angesichts zunehmender Arbeitslosen- Armuts-, aber auch Reichtumszuwächse Weniger, dem bisher in der BRD nicht gekannten Sozialabbau, beängstigender Demokratieverluste, der militari- sierten Außenpolitik und den schon wieder auf immer mehr Straßen unbehelligt marschierenden Neonazis fragt man sich, warum gerade die DDR untergehen mußte, in der es DAS alles nicht gab. „Man“, dass waren am frühen Abend des 18. Mai fast 250 Bürger (!), die einer Einladung der Regionalgruppe des RotFuchs Verein e. V. in den Kulturtreff von Halle Neustadt gefolgt waren. Antwort auf diese gewiß nicht einfache Frage wollten sie von einem Mann haben, der es wissen müßte und nicht gerade von jenen, die den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden schon immer, wie der Teufel das Weihwasser, haßten. Nach mehr als sechs Jahren aus bundesdeutscher politischer Haft entlassen, begrüßten sie den letzten Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Egon Krenz, der offen und ehrlich - aus seiner Sicht freilich - versuchte, Ursachen und Wirkungen der historischen Niederlage zu erklären. |
| War es nur ein der Realität gegenüber uneinsichtiges Politbüro, das die Hoffnungen eines vom deutschen „Raubtierkapitalismus“ schon befreiten Volkes aufs Spiel setzte? Oder waren es nicht auch historische und internationale Zusammenhänge, der kalte Krieg zwischen den Weltsystemen, die dabei eine Rolle spielten? Wäre die DDR allein untergegangen, müssten wir nur hier die Ursachen suchen, so Krenz. Untergegangen aber ist ein System des Sozialismus, das vom Stillen Ozean bis zur Elbe reichte. Man spürte sein aufrichtiges Bemühen um die Wahrheit, ohne etwa die Oberhoheit für die Interpretation de DDR-Geschichte zu beanspruchen. Zugleich aber wies er auch nach, dass die alte BRD sich bis heute niemals mit der DDR abgefunden hat. Sie zu delegitimieren stand nicht erst jetzt auf der Tagesordnung. Adenauer betonte schon in seiner ersten Regierungserklärung „Wir sprechen für ganz Deutschland“. Und einer der Gründungsväter der BRD, Carlo Schmidt (SPD), formulierte bereits 1948, die BRD sei Deutschland und alles außerhalb von ihr sei Gebiet, das man heimholen müsse. Diejenigen, die da nicht mitmachten, müsse man als Verräter behandeln. Wie gesagt, wurde es dann auch gehalten. Politisch bestimmte Prozesse galten DDR-Funktionsträgern wie den einfachen Grenzsoldaten. Dies, so Krenz, sei, ebenso wie die Wiedervereinigung selbst, n i c h t d i e W e n d e gewesen, an die er Ende 89 gedacht habe. Nach der Sprachlosigkeit der DDR-Führung sollte das Gesicht wieder dem Volke zugewendet und die sozialistischen Errungenschaften sollten erhalten werden. Die Tragik war, daß alle, die das wollten, nicht zueinander fanden. Die abendliche Bildungsveranstaltung des RotFuchs-Vereins war kein Nostalgie-Seminar. Sie war in bestem Sinne eine Geschichtsstunde, ein Frage- und Antwortspiel um Lehren aus der Vergangenheit und Schlüsse für die Zukunft. H.-D. Krüger |