13. 11. 2004: Zum revolutionären Erbe der DDR

Leserforum der RF-Regionalgruppe Dresden

38 Rotfüchse und Sympathisanten kamen am 13.11.2004 um 10.00 Uhr in die Drogenmühle Heidenau zu Prof. Dr. Werner Roß, der mit seinen Darlegungen zu dieser Thematik hohe Aufmerksamkeit und eine zustimmende, engagierte Diskussion erreichte. Bei aller differenzierten Bewertung der Geschichte der DDR, so führte er aus, sind die fundamentalen Positionen die Macht- und die Eigentumsfrage. Ziel aller ideologischen Manipulationen des Antikommunismus, die auch in linken Organisationen Wirkung zeigen, ist, den DDR-Bürgern die Würde zu nehmen, sie kollektiv an den Pranger zu stellen, die DDR zu delegitimieren und den Kapitalismus als alternative, letzte Gesellschaftsordnung zu preisen. Darin drückt sich die Angst vor einem Gegenkonzept zum Kapitalismus aus. Deshalb wurde durch die Konterrevolution sowohl die sozialistische Staatsmacht zuerst und danach folgend die sozialistischen Eigentumsverhältnisse, vor allem auch des geistigen Eigentums, zerschlagen. Für einen Neuanfang ist eine kritische Bestandsaufnahme erforderlich, aber die Geschichte der DDR ist nur zu verstehen durch ihre Einordnung in die weltgeschichtliche Bewegung, im Zusammenhang mit der Geschichte der BRD und dem Anteil der imperialistischen Besatzungsmächte an der deutschen Teilung. Die deutsche Teilung verdeutlichte diametrale politische Gegensätze; die BRD als Rechtsnachfolger des faschistischen Reiches, die DDR als antifaschistische Ordnung, entsprechend schufen beide unterschiedliche Feindbilder. Bei kritischer Bestandsaufnahme muss man den Charakter der DDR und ihre historischen Verdienste zum Ausgangspunkt nehmen. Sie war:
l) der Staat des Friedens,
2) frei von Ausbeutung, gewährleistete
3) soziale Sicherheit, Arbeit für alle, hatte keine Obdachlosen, - in der DDR konnte niemand scheitern -, bot für die Selbstverwirklichung des Menschen alle Bildungschancen, denn, (und diese Feststellung halte ich für ungeheuer wichtig- L. Neumann) ohne Bildung gibt es keine Demokratie! Genosse Roß führte weiter aus, dass das Volkseigentum kameradschaftliche Zusammenarbeit förderte, die DDR gewährte Rechtssicherheit, humanistische Wertorientierungen, denn entsprechende Macht macht entsprechendes Recht. Kritisch äußerte sich Genosse Roß zu Problemen der Demokratie, so zu den Wahlergebnissen - die realen Zahlen hätten der DDR nicht geschadet, aber besser zu Gesicht gestanden; zum Fakt, dass oft nur ein Kandidat zur Wahl stand, dass Funktionäre auf "Lebenszeit" gewählt wurden, zu übermäßiger Machtkonzentration und zur Rolle von Funktionären als "Wächter" ohne ausreichende Kompetenz. Aber die DDR-Demokratie ist immer auch zu sehen unter den Aspekten der Klassenauseinandersetzung. Genösse Roß erläuterte, dass für unseren Kampf heute eine klare Strategie und Übergangsforderungen notwendig sind. Auf alte Fragen sind neue Antworten notwendig, so zur Frage nach dem
historischen Subjekt, nach der führenden Rolle e/er sich verändernden Arbeiterklasse, des demokratischen Zentralismus als unbedingte Notwendigkeit und zum Kampf um die Menschenrechte unter konkreten ökonomischen und sozialen Bedingungen. Als abschließende Bemerkungen seien genannt: die "Wende" hat keine neue positive Qualität gebracht, sie war ein Zurückstoßen in ein reaktionäres System - deshalb Konterrevolution; wir können nie ein Volk sein; die BRD hat die DDR geschluckt, kann sie aber nicht verdauen (große Heiterkeit). Bleibt weiter zu klären, wie soll unser Sozialismusbild aussehen? In der sehr lebendigen und sich zur DDR und zum Sozialismus bekennenden Diskussion sprachen 13 Anwesende, die nicht nur aus dem engeren Dresdner Raum kamen. In aller Kürze zu den Fragen und Darlegungen. Immer wieder wurde nach der Rolle der PDS gefragt, aber auch festgestellt, dass sie kein Zukunftsmodell besitzt. Die Mitglieder der PDS wandten sich gegen die Führung, aber sie bleiben in dieser Partei, um an der Basis als/Marxisten zu wirken. Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus, der bevorsteht, hat die Schlacht ums Geschichtsbild begonnen. Die Veröffentlichungen des H.-Ahrendt-Instituts als ideologischer Zentrale des Klassengegners spielen dabei eine große Rolle. Immer wieder wird gefragt, was sind die Ursachen des Scheiterns der DDR und wann begann die Konterrevolution mit welchen Kräften? Genossen aus Landwirtschaft und Industrie erläuterten an Beispielen aus eigenem Erleben, wie ökonomische Gesetzmäßigkeiten verletzt wurden. Sehr große Sorgen wurden zur Bildungspolitik in Sachsen und in der BRD laut. Genossen wiesen nach, daß es um Verdummung und Geschichtslosigkeit geht und die Kinder und Jugendlichen keine Beziehungen mehr zur eigenen Geschichte und schon gar nicht mehr zum deutschen humanistischen und progressiven Erbe haben. Ergänzend dazu wurde immer wieder gefragt, wie kommen wir an die Menschen, besonders an die Jugend heran? Antworten sind mehr oder weniger auf den persönlichen Bereich beschränkt. Fragen zur Macht und ihrer Nichtnutzung 1989 konnten in diesem Rahmen nicht beantwortet werden. Verwiesen wurde auf den Missbrauch antifaschistischer Gedenkstätten und darauf, dass schon vor 1989 konterrevolutionäre Ideologen dort installiert wurden. Besonders emotional war eine Wortmeldung. Der Genosse sagte: Ich bin ein Kind der DDR und bleibe es. Ich werde in der BRD nie ankommen. Die DDR war die Heimstatt der Deutschen. Ich danke dem Rotfuchs für seine Vielfalt. Ich war 30 Jahre bei der NVA, ich bin stolz darauf, dass von uns keine Kriege entfacht wurden und wir nicht an Kriegen beteiligt waren. Man könnte es als Schluss dieser Veranstaltung sehen, nicht als Schluss des Kampfes und der vielen Fragen, die einer Beantwortung bedürfen. Genosse Roß regte in seinen Schlussbemerkungen deshalb an, weitere Veranstaltungen zu Detailthemen zu organisieren. Die Regionalgruppe Dresden des RotFuchs wird diesen Weg weiter gehen.
Lothar Neumann