Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) in der DDR



Fast alle Teilnehmer der Berliner Beratung des RF-Fördervereins, die am 8. Juli stattfand, waren Mitglieder des Freien Deutschen Gewerkschaftbundes der DDR. Sie haben damit meist auch einen persönlichen Bezug zu dieser Massenorganisation, die vor 60 Jahren, am 15. 7. 1945, gegründet wurde.

Annelies Kimmel, die letzte Vorsitzende, war Gastreferentin und erinnerte an die Anfänge. Daß der FDGB bereits zwei Monate nach dem Sieg über den Faschismus ins Leben gerufen werden konnte, zeugt davon, daß Kommu-
nisten, Sozialisten, Antifaschisten und fort-
schrittliche Menschen den festen Willen hatten, Deutschland eine demokratische Entwicklung zu eröffnen. Durch den ersten Stadtkommandanten Berlins, Oberst Bersarin, der in seiner Heimat selbst Gewerkschafts-
funktionär war, fanden die Initiatoren die notwendige Unterstützung, um solche Ziele wie Ausrottung der Naziideologie und des deut-
schen Militarismus, Erziehung zum Antifa-
schismus und demokratischen Fortschritt, Sicherstellung der Versorgung der Bevölke-
rung, Durchsetzung des Arbeitsschutzes, Einführung einer Tarifpolitik u. v. a. anvisie-
ren zu können. Daß die anfangs auch in West-
deutschland gebildeten Gewerkschaftszellen unter diesen Prämissen keine Chance hatten, liegt auf der Hand. Spätestens mit dem Mar-
schall-Plan geriet die westdeutsche Gewerkschaft in amerikanische Abhängigkeit. In der DDR ging es darum, die Organisation
der Werktätigen als Einheitsgewerkschaft zu formieren und die Zersplitterung mit der Durchsetzung des Prinzips „Ein Betrieb – eine Gewerkschaft“ zu beenden. Nach ihrer Grün-
dung zählte sie 1,5 Mio. Mitglieder, 1946 waren es schon 2 Millionen. 1989 hatte die Gewerkschaft 10 Millionen Mitglieder.
Annelies Kimmel setzte sich auch mit Schwä-
chen und Problemen auseinander. Sie sprach Fragen der Plandiskussion, der Wettbewerbs-
führung, der Subventions- und Lohnpolitik
u. a. an. Dennoch müssen die Leistungen der Gewerkschaft hervorgehoben werden, die im Lichte der heutigen Verhältnisse in Deutsch-
land einen besonderen Stellenwert besitzen. Zu nennen sind solche Errungenschaften wie das Arbeitsgesetzbuch, die kostenlose Rechtshilfe, Frauenförderungspläne, die Arbeiter-
versorgung, Betriebskindergärten, Betriebs-
polikliniken, die Ferienheime, Kulturhäuser des FDGB und viele andere soziale Erleich-
terungen für die Bevölkerung.

Mit dem Ende der DDR wurden auch dem FDGB die Grundlagen für seine Weiter-
existenz entzogen. Annemarie Kimmel nahm ausführlich dazu Stellung und schilderte, was 1989 an der Spitze des Gewerkschaftsbundes vor sich ging. Es gewannen schließlich jene Kräfte die Oberhand, die eine Gewerkschaft ohne Sozialismus proklamierten. Aufgrund der 1990 auf dem außerordentlichen Gewerk-
schaftskongreß mit Mehrheit gefaßten Be-
schlüsse zur Bildung von Industriegewerk-
schaften und Gewerkschaften wurden auch die Tore zur Verscherbelung des FDGB-Vermö-
gens geöffnet. Fragen, die das Ende des FDGB berührten, nahmen in der Diskussion eine großen Raum ein. Es ging aber auch darum, was getan werden kann, damit Bewah-
renswertes nicht der Vergessenheit anheim fällt und verlorengeht. Die Beschäftigung in den Regionalgruppen mit diesem Thema wäre ein Beitrag dazu.
RG Berlin