08. April 2005, Dr. Matin Baraki: "Afghanistan im Frühjahr 2005"


Im vollen Saal der Begegnungsstätte der Volkssolidarität in der Berliner Torstraße sprach Dr. Matin Baraki über die Situation in Afghanistan. Der Referent, Dozent an der Universität Marburg, war gerade erst von einem Besuch in seiner afghanischen Heimat zurückgekehrt. Er erläuterte zunächst geschichtliche Zusammenhänge des Befreiungskampfes seines Volkes und seiner Revolution, um dann das Interesse der in- und ausländischen Reaktion an deren Niederwerfung zu erklären. Einem der ärmsten Völker der Welt durch die Bodenreform - Land, durch die Alphabetisierung - Bildung und durch eine neue Familiengesetzgebung - persönliche Freiheit auch für Frauen und Mädchen zu geben - das ging den Großgrundbesitzern, den Kriegsfürsten und Opiumbaronen zu weit.
Das Interesse des USA-Imperialismus ist vor allem der geostrategischen Lage des kleinen Landes geschuldet, das eine 2500 km lange Grenze mit den Nachfolgestaaten der UdSSR verbindet und das für den Erdöl-Transit von Bedeutung ist. Deshalb wurden zunächst die Taliban aufgepäppelt, deshalb wurden durch die CIA Osama Bin Laden und seine Banden ausgerüstet, und als sich diese verselbstständigten, begann die "Terroristenbekämpfung", unter anderem mmit einer internationalen "Schutztruppe" der ISAF, und es wurden Unmengen an Dollars aufgewendet, um mit einem in Szene gesetzten Wahlrummel das Karsai-Regime zu etablieren.
Der deutsche Imperialismus war dabei in jeder Phase mit von der Partie; schließlich will auch er ein möglichst großes Stück von dem zu verteilenden Kuchen abhaben. Dafür wurde eigens eine Konferenz auf dem Petersberg organisiert, dafür "verteidigt" die Bundeswehr Deutschland am Hindukusch, dafür gibt es Milliarden Euro bundesdeutscher "Wiederaufbau-Hilfe", die übrigens vor allem in die Kassen der Konzerne in der BRD fließt, die sich an der Wiederherstellung der zuvor in ihrem Auftrag zerstörten afghanischen Infrastruktur sowie der Hauptstadt Kabul bereichern. Polizei und Geheimdienste des Karsai-Regimes werden von deutschen Offizieren ausgebildet. Alle im Bundestag vertretenen Parteien - außer der PDS - agieren mit Hilfe der "ihnen nahestehenden" Stiftungen in Kabul; die "Konrad Adenauer-Stiftung" und die "Friedrich Ebert-Stiftung" "beraten" die neuen Herren des Landes.
In Kabul aber ist niemand sicher, und außerhalb der Hauptstadt ist praktisch jeder vogelfrei. Nacht für Nacht gibt es schwere Überfälle. Im Winter erfroren viele Menschen auf den Straßen. Kabul liegt in Schutt und Trümmern und erstickt im Dreck...
In der Diskussion gab es eine Menge Fragen an den Referenten: Wie kam seinerzeit die Demokratische Volkspartei an die Macht? Wie kam es zum Abzug der sowjetischen Truppen? Warum wird Osama Bin Laden nicht ergriffen? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem Widerstand gegen die US-Okkupationstruppen im Irak und dem Kampf des afghanischen Volkes? Welche Rolle spielen Stammes- und Religionskonflikte im Land? Wie sind die Beziehungen zu den ehem. Sowjetrepubliken in Mittelasien? Welche Einstellung hat die afghanische Bevölkerung zur BRD? Welche Unterschiede spürt das Volk zwischen der Taliban-Herrschaft und dem gegenwärtigen Regime? Welche Rolle spielen der Islam und die Mullas heute im Land?
In seinen sachkundigen Antworten verwies Genosse Baraki noch einmal auf die Zusammenhänge der Vorgänge im Nahen und Mittleren Osten mit der seit vielen Jahren verfolgten strategischen Planung der USA und ihren Weltherrschaftsplänen. Die Versammlung dankte dem Redner mit einem lang anhaltenden Beifall.
Ernst Heinz