31. August 2007:
Heinz Keßler, Armeegeneral a.D. und Minister für Nationale Verteidigung der DDR,
bei den "RotFüchsen" in Berlin


In einer überaus bewegenden Veranstaltung des "RotFuchs"-Fördervereins Berlin sprach am Freitag, dem 31. August 2007, um 16.30 Uhr im Saal des "ND"-Gebäudes am Berliner Franz-Mehring-Platz Armeegeneral a.D. Heinz Keßler zum Thema "Deutsche Antifa-schisten an der Seite der Roten Armee".
Heinz Keßler, Sohn einer kommunistischen Arbeiterfamilie aus Lauban, trat nach dem verbrecherischen Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR 1941 in die Sowjetarmee über und wurde daraufhin vom faschistischen sogenannten "Volksgerichtshof" zum Tode ver-urteilt. Er schilderte, wie sich der Kommandeur der Wehrmachts-Division, der er ange-hörte, vor den jungen Soldaten über die "Kriegsaussichten" äußerte: "Zu Weihnachten seid Ihr alle wieder zu Hause, und Deutschland ist um viele Rohstoffe, viel Land und viel Menschen reicher!" Bekanntlich kam es völlig anders...
1943 gehörte Heinz Keßler zu den Mitbegründern des "Nationalkomitees Freies Deutsch-land" und war dann an der ersten und zweiten Belorussischen Front als Frontbevoll-mächtigter des Nationalkomitees tätig. Er berichtete von den gefahrvollen Einsätzen deutscher und sowjetischer Genossen, die mit Lautsprecher-Sendungen, Flugblättern und mit Hilfe von Kriegsgefangenen die Angehörigen der Wehrmacht zum Niederlegen der Waffen aufforderten, um so das Leben vieler Tausender zu retten. Eine schwere Arbeit war in den Kriegsgefangenenlagern zu leisten, um die deutschen Soldaten und Offiziere zur Einsicht in die tatsächliche Lage zu bringen und ihnen den verbrecherischen Charakter des Hitlerfaschismus zu erklären. Genösse Keßler berichtete von einem deutschen Major, der einfach nicht glauben wollte, daß die Wehrmacht auf ihrem Rückzug zur Taktik der "ver-brannten Erde" übergegangen war, wehrlose Frauen, Kinder und Greise hinmordete und die Dörfer niederbrannte. Als dieser Offizier das alles mit eigenen Augen sehen mußte, brach eine Welt für ihn zusammen; er erklärte sich bereit, seine Erkenntnis über den Lautsprecherwagen den deutschen Soldaten in den Schützengräben, darunter seinem Bruder, der dort eine Kompanie befehligte, mitzuteilen und sie aufzufordern, die Waffen niederzulegen. Das Nationalkomitee leistete eine gewaltige Arbeit. Antifa-Schulen für Kriegsgefangene entstanden, der Bund deutscher Offiziere wurde gegründet - alles mit dem Ziel, das sinnlose Morden und den Krieg überhaupt zu beenden. Dafür wirkten deutsche Kommunisten, andere Angehörige der Arbeiterbewegung, national gesinnte Kräfte aus dem Bürgertum, Christen und Kulturschaffende zusammen, über alle trennenden weltan-schaulichen und politischen Zukunftsvorstellungen hinweg. Genau das ist die große Lehre aus dem antifaschistischen Kampf.
Im Präsidium der Veranstaltung hatten neben Heinz Keßler die Genossen Stefan Doernberg Und Moritz Mebel Platz genommen, auch sie einst deutsche "Rotarmisten" - der eine später Professor für Zeitgeschichte und Botschafter der DDR (die "RotFuchs"-Leser erinnern sich: er hatte ein Jahr zuvor bei uns über sein Buch "Fronteinsatz" gesprochen), der andere der bekannte Professor für Urologie in Berlin. In der Diskussion wurden Fragen zur Bedeutung des Attentats vom 20. Juli 1944, auch Fragen zum Schicksal der Eltern von Heinz Keßler nach dessen Übertritt in die Sowjetarmee, auch Probleme der späteren Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen erörtert. Bekanntlich war Genösse Keßler nach 1945 als Mitglied der KPD, der SED, ihres Parteivorstandes bzw. Zentralkomitees gemeinsam mit Erich Honecker zunächst beim Aufbau der antifaschis-tischen Jugendausschüsse aktiv tätig; er war Vorsitzender des Jugendausschusses und dann der Freien Deutschen Jugend von Groß-Berlin und Sekretär des FDJ-Zentralrates. Nachdem der deutsche Imperialismus die Remilitarisierung der BRD vorantrieb, wurde dieser aufrechte Antifaschist wieder Soldat: Er baute die Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der DDR mit auf und stand an ihrer Spitze, diente als Chef der Politischen Haupt-verwaltung, war anschließend Chef des Hauptstabes der Nationalen Volksarmee und letztendlich Minister für Nationale Verteidigung und gleichzeitig auch Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED. Als Kämpfer für den Frieden hatte er die einzige Armee in der deutschen Geschichte geführt, die niemals einen Krieg begonnen, an einem Krieg teilgenommen oder einen solchen unterstützt hatte. Nach der Konterrevolution, die den Anschluß der DDR an die BRD zur Folge hatte, wurde Heinz Keßler - durchaus folgerichtig - von der BRD-Justiz eingekerkert, aber niemand konnte erreichen, daß er seine Überzeugungen preisgab. "Ich habe einen großen Wunsch!", so wandte er sich zum Abschluß der Veranstaltung an die Teilnehmer im überfüllten Saal. "Es müßte sich jemand finden, vielleicht sogar ein ganzes Kollektiv, das die Briefe, die deutsche Soldaten und Offiziere wahrend des Zweiten Weltkrieges nach Hause gesandt hatten, die Briefe - aus Polen, aus Frankreich, aus den baltischen Ländern usw. und dann aus der Sowjetunion, als die deutschen Armeen vor Leningrad und Moskau standen, die Briefe aus Stalingrad liest und die Veränderung ihrer inhaltlichen Aussage analysiert, um das der Öffentlichkeit zugängig zu machen. Das wäre eine große Arbeit, die dem Frieden dient!"

Der Abend ging mit einem großen Dank an den jetzt 87jährigen unbeugsamen Kommunisten zu Ende. Seine Ausführungen waren für uns alle ein großes Erlebnis.