24. Oktober 2006:
Schriftsteller Erik Neutsch zu Gast


Inhalt unserer Veranstaltung war diesmal eine Lesung des Schriftstellers Erik Neutsch aus seinem Buch „Verdämmerung".
Nach Eröffnung der Veranstaltung durch Ernst Heinz, in der er Erik Neutsch als einen großen DDR-Autor, der auch in den heutigen Werken seine linke, gesellschaftskritische Meinung zum Ausdruck bringt, gewürdigt hat, stellte Erik Neutsch dem interessierten Publikum sein Buch „Vedämmerung" vor, das als Ergebnis der persönlichen Verarbeitung des Todes seiner Ehefrau entstanden ist. Nach einer längeren Schaffenspause habe er sich, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, ein sozialkritisches Buch über das Heute zu schreiben, aufgegeben, da die Horrorszenarien der gesellschaftlichen Realität in der heutigen BRD jede mögliche prosaische Bewältigung übertreffen bzw. sie unmöglich machen.
Einen inhaltlichen Schwerpunkt der „Verdämmerung" stellt die Beschreibung der letzten fünf Tage im Leben seiner Ehefrau und Kampfgefährtin dar, die er im Krankenhaus begleitete. In einer zweiten Linie beschreibe er in der 3. Person stark autobiografische Erlebnisse und Entwicklungen, die insgesamt einen Teil der deutschen Geschichte bis in die Gegenwart dokumentieren, damit dazu beitragend, dass sie nicht der in der BRD regierungs- und parteipolitisch angestrebten Vergessenheit anheim fallen.
Aufmerksam und teils ergriffen verfolgten die ca. 70 Anwesenden seine Lesung. Im folgenden Gedankenaustausch dazu wurde zum Ausdruck gebracht, dass dieses Buch viele Gedanken zum eigenen privaten Bereich, im Verhältnis zu seinem Lebenspartner, aber auch in der Standhaftigkeit bezüglich seiner gesellschaftspolitischen Einstellungen anregt. Auch der Schriftsteller, Kommunist und DDR-Bürger Neutsch hatte so manche Zweifel an der konkreten Umsetzung der Politik der SED auf dem Weg zum Sozialismus, hatte Fragen, auf die wohl niemand endgültig antworten können wird. Ihn hatte das schon damals nicht bewegen können, seine Grundüberzeugung aufzugeben und sich an den Klassenfeind auszuliefern, der ihn zu DDR-Zeiten gern gedruckt (benutzt) hätte - ganz im Gegensatz zu heute, wo er als linker Autor keinen Verlag mehr findet, der ihn drucken wolle. Auch hierin zeigt es sich, dass es nicht um „Schichten" geht, sondern um Klassen und Klassenkampf, der derzeitig in der BRD, leider nur von oben und so demokratisch verbrämt wie möglich gefuhrt wird. Trotzdem ist er sich sicher, dass die 40-jährige Geschichte der DDR nicht zu einer ausschließlichen Fußnote der Geschichte zu machen sein wird. Dazu sind die Erfahrungen und das Wissen, die Erinnerungen zu vieler Menschen in der ganzen Welt zu vielseitig und zu tief verwurzelt. Dafür sprechen auch viele historische Ereignisse, die noch heute ihre Wirkung haben, obwohl sie schon immer von den jeweiligen Führungsschichten diskreditiert wurden.
Dem Publikum beeindruckte insbesondere, wie Gen. Neutsch in seinem Buch die Überlegenheit der heutigen Zeit, der BRD und der sogenannten „globalen Welt" und des kapitalistischen Systems insgesamt ad absurdum führt, ohne es vordergründig anzu-greifen, sondern einfach nur durch die Darlegung der Geschichte der DDR und ihrer Vorzüge, bei aller Unvollkommenheit des realen Sozialismus.